Nikolai Szymanski

Imprint

DEATHROCK Buch

2024

Künstlerbuch

155x225mm, 232 Seiten, Softcover

Im Jahr 2021 verstirbt meine Großmutter und ich nehme das umfangreiche, familiäre Fotoarchiv an mich. Größtenteils sind es Fotografien, die von meinem Großvater aufgenommen wurden. Sie dokumentieren die typischen Umstände einer Familie im Ruhrgebiet der Nachkriegszeit und des allmählich ausklingenden 20. Jahrhunderts. Doch neben einem Querschnitt der Jahrzehnte weisen sie auch Eigenarten auf, entwickeln eigene Narrative und Schleifen. Ich beschäftige mich in der Folgezeit sporadisch mit dem Material, ich »mag« diese Bilder, was sie mir erzählen und was sie mir vorenthalten. Zuweilen vergesse ich beinahe, dass es die Bilder meiner Großeltern sind und studiere die blaustichigen Landschaftsaufnahmen und Reisedokumentationen, so wie ich einen Film anschauen würde, der es schafft, meine Aufmerksamkeit zu halten. In anderen Momenten ist die Konfrontation mit Bildern meiner frühesten Kindheit und lang verglommenen Vergangenheiten zutiefst emotional. Daher bin ich eine Weile nicht sicher, ob und wie ich mit dem Material künstlerisch umgehen möchte.

Im Jahr 2022 verstirbt mein Vater unerwartet und ich sehe mich erneut mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert. Von ihm kannte ich die ersten zwei Jahrzehnte meines Lebens nur zwei Fotos. Sie waren in seiner Wohnung entstanden, als ich etwa ein Jahr alt war, kurz bevor mein Vater Deutschland verlassen und in die USA auswandern würde. Sie zeigen ihn in einem Korbsessel sitzend, seinem Kater einen leeren Joghurtbecher anbietend, mit leichtem Schmunzeln auf den Lippen. Im Hintergrund klemmt augenscheinlich eine Schusswaffe zwischen den Rippen eines Heizkörpers. Die letzten zehn Jahre seines Lebens standen wir in regelmäßigem Kontakt. Doch bis dahin war er dieser junge Mann auf dem Foto, zeitlos, alterslos. Eine beinahe fiktive Gestalt, außerhalb der Zeit.

Ich stoße auf mehr Material, das ihn in seiner Rolle als Leadsänger der Deathrock-Band Mephisto Walz zeigt; trage zusammen, was er über die Jahre mit mir geteilt hat. Ich beschließe, das Material meines Großvaters und die fragmentierte Geschichte meines Vaters in einem »modularen« Essay, einer autobiografischen Serie verschiedener Arbeiten, zu verschränken. Ich beginne zu recherchieren und die Fotos akribisch zu sichten und zu kategorisieren. Es ist ein leicht schizophrener Prozess, dem ich mich dabei aussetze. Zum einen die höchst persönliche Auseinandersetzung mit Verstorbenen und Vergangenheit, zum anderen die Aneignung und Hervorhebung von Amateurfotografie, die allgemeine Fragen aufwirft. Der abwesende Vater auf der einen Seite, der Szene-Künstler, verhinderte Rockstar und der plötzlich verlorene Freund auf der anderen. Das Spießertum, die Gegenreaktion im zelebrierten Tabubruch und die deutsche Geschichte, die all dem zugrunde liegt.

Es ist eine Ansammlung von scheinbaren Gegensätzen, die sich tatsächlich aber überlagern und verflechten. Gleichzeitigkeit, parallele und doch ganz unterschiedliche Zeitlichkeiten, die letztlich alle auf die zwei Gewichte Leben und Tod zulaufen. Ich denke filmisch, wobei ich mir nur bedingt vornehme, einen Film zu produzieren. Es sind Einzelbilder, kurze Montagen, Archivmaterial, Videos, die ich sehr zurückhaltend und abstrakt miteinander verwebe. Ich möchte nicht überfrachten, möchte Allem seine Zeitlichkeit lassen.

Dieses Buch ist ein Baustein der gesamten Arbeit. Und auch hierbei denke ich filmisch, versuche das Buch als Montage zu verstehen, in Szenen und Akten zu gliedern. Dabei gehe ich allerdings nicht linear oder zwingend chronologisch vor. Vielmehr nähere ich mich aus verschiedenen Blickwinkeln und Punkten in der Zeit dem selben Kern. Die Texte und Bildstrecken folgen einem gewissen Fluss, aber dieser muss nicht zwingend auch die Leseerfahrung vorgeben. Die Kapitel funktionieren wie die Akte eines non-linearen Films. Dabei sind Bild und Text gleichwertig, ergänzen sich. Die Bilder liefern ihre eigenen Erzählungen, die ich nur bedingt kommentiere. Ich spreche auch nur bedingt über meine »Gefühle«, die persönliche Tragweite des Projekts liegt auf der Hand. Ich möchte die Aufmerksamkeit auf Zwischentöne lenken und dem hintergründigen Mosaik Gelegenheit geben, sich selbst zusammenzusetzen.

Insgesamt überwiegt hier das fotografische Material, und damit das Archiv meiner Großeltern, da sich das Buch als Form besonders eignet, einen umfassenden Eindruck zu vermitteln und mir Gelegenheit bietet, die Fotos zu katalogisieren und dem seriellen Element einen Raum zu geben. Gleichzeitig versuche ich, künstlerische Überlegungen und zusätzliche Informationen in essayistischen Texten zu transportieren. Ein Stück weit Plädoyer für die Amateurfotografie, für das »Volksfoto« in all seiner banalen Tiefgründigkeit, autobiografisches Essay und zugleich posthume Würdigung. Und ein schleifenartiges Kreisen in der und um die Zeit.

(Einleitung aus »DEATHROCK«, 2024)